Samstag, 23. Dezember 2017

Nach(züglerbei)trag

Es ist mittlerweile Tradition oder leider eher zur schlechten Angewohnheit geworden, dass der letzte Beitrag der Reise immer ein paar Monate auf sich warten lassen muss. Nun denn, wo waren wir noch gleich stehen geblieben?
Genau, am Terkhiin Tsagaan Lake, oder auch etwas weniger sperrig einfach nur Weißer See genannt.

Frisch ausgeruht starteten wir also guter Dinge nach unserem Pausentag vom Weißen See Richtung Ulan Bator. Eigentlich hatten wir zwei Etappen für die knapp 650 km bis zum Endpunkt der diesjährigen Reise vorgesehen, aber es sollte anders kommen. Kurz vor Erreichen unseres angepeilten Etappenziels Kharkhorin, der ehemaligen Hauptstadt des mongolischen Reichs, erreichte uns ein Anruf. Danach war klar, wir müssen noch am selben Tag bis Ulan Bator durchfahren. Grund war der Umstand, dass wir vor unserer Abreise noch im mongolischen Hauptzollamts vorsprechen mussten, um den Motorrädern zu ermöglichen, ein Jahr ohne uns in der Mongolei zu bleiben. Offensichtlich war ein Tag für dieses Vorhaben nicht ausreichend, somit blieb uns keine Wahl. Gesagt, getan.

Schnell noch Erdene Dsuu, das älteste buddhistische Kloster der Mongolei besichtigt und dann ging’s auch schon weiter. Von hinten kam unpassenderweise ein Unwetter angerollt. Zuerst war es « nur » ein Staubsturm und schon ziemlich beeindruckend. Nachdem aber der Straßenverlauf dann bald um 90° quer zum Wind gedreht hatte, kamen noch Blitz und Donner dazu und uns wurde ziemlich mulmig. Es fing dann natürlich auch an, wie aus Eimern an zu schütten und das war zusammen mit dem heftigen Wind von der Seite äußerst unangenehm. Nachdem wir eine Weile mit gefühlten 45° Schräglage bei gerader Strecke gefahren waren und der luv-seitige Stiefel voller Wasser gelaufen war, ergriffen wir die erstbeste Gelegenheit und flüchteten uns hektisch unter das Vordach eines verlassenen Hauses, um das Allerschlimmste abzuwarten. Dort gesellten sich irgendwann zwei australische KTM-Fahrer zu uns, so dass während dieser Zwangspause immerhin für Unterhaltung gesorgt war. Der Rest der Etappe war aufgrund des starken Windes zum Teil ziemlich unangenehm und der Staubsturm begleitete uns noch bis Ulan Bator, wo wir weit nach Einbruch der Dunkelheit eintrafen. Zur Belohnung standen wir dann am Ende noch eine Stunde durch die Stadt im Stau bis wir schließlich völlig erledigt bei unserer Herberge ankamen.

Die verbleibenden Tage waren den Zollformalitäten und der Wartung der Motorräder gewidmet und waren einerseits geprägt durch den kurzweiligen Aufenthalt im Guesthouse Oasis, wo man immer viele interessante Reisende trifft und andererseits durch die herausragende Hilfsbereitschaft und Gastfreundschaft von Mogi und Frank, einem befreundeten mongolisch-deutschen Paar. Mogi war so nett, sich zwei ganze Vormittage Zeit zu nehmen, um die Verhandlungen mit den Zollbeamten zu führen. Ohne die Hilfe mit ihren Mongolisch-Kenntnissen wären wir komplett aufgeschmissen gewesen. Abgerundet wurde das schließlich noch mit einer Einladung zu einer großen Feier in ihrem Haus, in deren Verlauf unter anderem ein ganzes Schaf aufgegessen wurde, bei ortsüblicher Getränkebegleitung versteht sich.

Ganz am Ende gab es noch ein großes Hallo, als Abi, der indische Motorradfahrer, den wir am ersten Tag in Osh getroffen hatten, im Oasis eintraf. Er war nach einem Rahmenbruch gezwungen gewesen, die Mongolei per Bus (mit dem Motorrad im Gepäckraum) zu durchqueren, um sein Motorrad in Ulan Bator reparieren zu lassen. Seine weitere Reise führte ihn dann später noch durch Russland, Europa, den Balkan und Nah-Ost zurück nach Indien. Mittlerweile ist er schon wieder zu Hause.

Die diesjährige Reise wird, was Vielfalt und Erlebnisse betrifft, wohl nur schwer zu übertreffen sein. Die atemberaubende Natur in Kirgisien, die Weite Kasachstans mit seinen kurzweiligen Straßenzuständen, die traumhafte Straße durch das russische Altai-Gebirge und schließlich die wilde Unendlichkeit der Mongolei haben diese Tour zu einem Erlebnis ohnegleichen gemacht. Wenn wir nächstes Jahr am Pazifik ankommen, lassen wir damit auch das Gebiet der ehemaligen Sowjetrepubliken hinter uns, deren kultureller Reichtum und enorme Ausdehnung uns ganz besonders begeistert haben. Das erfüllt uns jetzt schon etwas mit Wehmut. Aber als nächstes warten Japan und Nord-Amerika auf uns, das macht den Abschied etwas leichter.





Sonntag, 18. Juni 2017

Die Konkurrenz schläft nicht.

By courtesy of Abijith Rao, with whom we traveled for a couple of days. We met Abi on our first day in Osh and again after having split on our last day at Oasis guesthouse Ulaanbataar. 

Sonntag, 11. Juni 2017

Ausrollen vom Allerfeinsten

Unsere heutige Etappe betrug nur 180 km, größtenteils auf richtigen Straßen. Inklusive der Intervention bei einer Reifenreparatur waren wir gerade einmal vier Stunden unterwegs. Die mongolischen Kollegen hatten kein Flickzeug, dafür nur eine kleine Handpumpe dabei, dem hatten wir einen elektrischen Kompressor und Montierhebel entgegenzusetzen. 

Unser Ziel war heute der White Lake, an dem Matti vor vier Jahren eingeschneit wurde. Hier ist es so idyllisch, dass wir spontan um eine Nacht verlängert haben.

Vom Regen in die Traufe

Wir verbrachten zwei Nächte im besten, falsch, teuersten Hotel Uliastais. Dieser Bunker war bisher das Schlimmste, was uns auf unserer Reise untergekommen war. Da alle normalen Zimmer bereits ausgebucht waren, mussten wir auf zwei "Deluxe Rooms" ausweichen, zu deren Preis man hierzulande schon ein halbes Schaf bekommt. Bei meinem funktionierte schon direkt das Türschloss nicht. Die Rezeptionistin probierte geschlagene zwanzig Minuten, bis es endlich öffnete, um dann triumphierend zu deuten, dass doch alles in Ordnung sei. Ich lehnte ab und bezog den einzigen noch freien, "Superior Deluxe Room", nach einiger Diskussion zum Preis der Deluxe-Variante. Zur Schlafengehenszeit stand die Rezeptionistin erneut vor meiner Tür, weil sie übersehen hatte, dass Mattis Zimmer schon reserviert war und bedeutete, dass auch er bei mir einziehen müsse. 

Das Hotel war völlig heruntergekommen. Die Tür klemmte bspw. derart, dass man sie nur mit einem kräftigen Tritt öffnen und schließen konnte. Heißes Wasser gab es nur eine Stunde am Tag, zu wechselnden Zeiten, daran erkennbar, dass der Schornstein rauchte. Nachts um drei wurde Matti von Regenwasser geweckt, das von der Decke direkt in sein Gesicht tropfte. 

Und daher weigerte ich mich am nächsten Morgen, den vereinbarten Preis zu zahlen. In einen Taschenrechner gab ich die für mich infrage kommende Maximalsumme ein, wir redeten dann noch eine Weile jeweils in Muttersprache aufeinander ein und am Ende wurde mein Angebot entnervt akzeptiert.

Wir luden unser ganzes Gepäck in den Landcruiser von Schaagaa und Shagai, die wir für einen halben mongolischen Monatslohn engagiert hatten, und begaben uns auf unsere letzte Offroad-Etappe. Nachdem der Regen aufgehört hatte, war dies noch einmal purer Fahrspaß, besonderes als Schaagaa und Matti die Fahrzeuge getauscht hatten und wir im Mongolian Style highspeed über die Piste bretterten. 

An unserem Zielort, Tosontsengel, wurde mein Kofferträger provisorisch geschweißt und wir verabschiedeten uns mit einem Abendessen von unseren mongolischen Freunden. 

Übernachtet haben wir im Skyline-Hotel, in dem Matti bereits auf seiner Mongoleireise vor vier Jahren Quartier bezogen hatte. 

Heute geht's zum White Lake, wo wir bei Temperaturen von fünf Grad zum letzten Mal campen werden. 



Donnerstag, 8. Juni 2017

Der Krug geht zum Brunnen, bis er bricht.

Was für ein Tag. Leider habe ich alle Superlative schon gestern aufgebraucht, heute könnte ich sie gut gebrauchen. 

Eigentlich waren die 200 km Piste zwischen Altay und Uliastai ja als einfach und in gutem Zustand beschrieben worden, diese Information ist jedoch nicht zutreffend. Ich weiß nicht, ob wir diese Route überhaupt gewählt hätten, wenn wir vorher gewusst hätten, wie knüppelhart sie ist. So viel Geröll und vor allem so viel Sand! Wir kamen kaum über den dritten Gang hinaus und brauchten insgesamt sieben Stunden für die kurze Strecke. 

Dass keiner von uns beiden gestürzt ist, grenzt an ein Wunder. Wir waren gleichwohl mehrfach kurz davor, einmal machte sich meine Transe gar selbstständig und landete im Acker. 

Vor allem das Material war der Beanspruchung nicht gewachsen und wir hatten diverse Defekte zu beklagen. Eine abgerissene Schraube an Mattis Gepäcksystem konnten wir noch mit Bordmitteln beheben. Schluss war aber, als mein ganzer Kofferträger samt Koffer abriss. 

Glücklicherweise hatten wir uns zum Mittag zu einigen mongolischen Nomaden gesellt, die einige Zeit später mit ihrem Kleinbus bei uns auftauchten. Sie hatten den gleichen Weg; ihnen gaben wir unser ganzes Gepäck mit. Nicht wirklich entspannt, aber deutlich erleichtert nahmen wir die restliche Wegstrecke in Angriff. 

Am Abend trafen wir erneut Cecilia und Ihre Crew, deren Unterstützung es zu verdanken ist, dass wir unsere Reise ohne größere Verzögerungen fortsetzen können. Meine Träger werden morgen geschweißt. Da zu befürchten ist, dass wir bei gleichbleibenden Straßenverhältnissen weitere Defekte erleiden werden, haben wir für den verbleibenden Off-road-Teil einen Fahrer engagiert, der uns unser Gepäck zum Zielort bringt. 


Mittwoch, 7. Juni 2017

Reisetagebuch

Unseren letzten Bericht hatten wir schon am 29. Mai veröffentlicht. Seitdem ist mehr als eine Woche vergangen und viel passiert. Wir haben mittlerweile Kasachstan und Russland hinter uns gelassen und sind in der Mongolei angelangt. Die ereignisreiche vergangene Woche möchte ich hier Revue passieren lassen.

Dienstag, 30. Mai: Mittlerweile von den katastrophalen Straßenzuständen vollkommen weichgekocht und der eintönigen Landschaft überdrüssig erreichen wir am Abend die Stadt Ust-Kamenogorsk, kasachisch Öskemen bzw. Өскемен. Wir sehnen zu diesem Zeitpunkt eigentlich nur noch die Ausreise aus Kasachstan herbei, als ich auf der Suche nach unserem Hotel eine junge Frau nach dem Weg frage. Ksenia, so heißt sie, bietet uns spontan an, doch mit zu ihr zu kommen. Und so teilen wir für die nächsten zwei Tage unser Lager mit Nadia, Ksenia, dem siebenjährigen Danil, vier Katzen und zwei Hunden.

Später am Abend gesellen sich der sehr unterhaltsame Andrej und seine Freundin Marina hinzu, wir löschen die Bierbestände des Magasins um die Ecke, zum Abendessen gibt es Kartoffeln und sauer eingelegte Pilze, die Banja wird angeheizt, und nach einer Stunde waschen wir uns den Staub von und dreschen uns mit Eichenzweigen die Verspannungen aus den Körpern. Mit den kläglichen Resten meines Schulrussischs und den noch viel kläglicheren Übersetzungen von Google betreiben wir mühsam Konversation und nach viel zu viel Bier fallen wir gegen drei Uhr in einen komatösen Schlaf, aus dem wir von Harley (Davidson), einem der Hunde, unsanft bereits um acht wieder geweckt werden.

Mittwoch, 31. Mai: Bis zum frühen Nachmittag laboriere ich an den Folgen des Bierkonsums vom Vorabend. Nicht so Andrej. Der steht bereits um halb zehn fit und gut gelaunt auf der Matte, um uns abzuholen. Andrej betreut Automaten, an denen man Guthaben auf SIM-Karten aufladen kann. Und so fahren wir den ganzen Vormittag einen Laden nach dem anderen an, in die Andrej immer für jeweils bis zu fünf Minuten verschwindet, um die Einnahmen abzuholen; für mich eine willkommene Gelegenheit, in ein kurzes Nickerchen zu fallen. Mittags, nach vollbrachtem Tagwerk begleitet uns Andrej zu einer Versicherung, bei der wir noch schnell die obligatorische Haftpflichtversicherung abschließen sollen. Von allen Seiten wird uns dabei versichert, welch großes Glück wir eigentlich hätten. Denn wäre entdeckt worden, dass wir ohne Versicherung unterwegs sind, wäre das mindestens sehr teuer geworden.

Am frühen Nachmittag holen wir Marina ab und fahren nach Северное, das nördliche Umland Öskemens. Welches Unrecht hatten wir Kasachstan getan - von wegen eintönige Landschaft! Sanft geschwungene, mit saftigem Grün bewachsene Hänge, ausgedehnte Wälder, klare Bäche, abertausende Schmetterlinge und ein Vogelgezwitscher, wie man es aus der Heimat gar nicht mehr kennt.

Donnerstag, 1. Juni: Das Angebot der Mädels, mit ihnen am Wochenende zum Biker-Festival nach Semei (Semipalatinsk) zu fahren, müssen wir aufgrund unseres straffen Zeitplanes leider ausschlagen. So packen wir am Morgen unser Geraffel zusammen, ich unternehme mit dem ausgewiesenen Motorradfan Danil noch eine kurze, zwanzigminütige Ausfahrt, und dann begleitet uns Andrej bis zum Ortsausgang.

Am frühen Nachmittag stehen wir bereits an der Grenze zu Russland. Der Grenzübertritt verläuft insgesamt unspektakulär. Nur ich werde, nachdem ich mit meinen rudimentären Russischkenntnissen auf mich aufmerksam gemacht habe, in ein separates Zimmer gebeten und von einem Geheimdienstoffizier einer peinlichen Befragung unterzogen. Offensichtlich kann ich alle Fragen richtig beantworten und nach weniger als einer Stunde werden wir ins Land entlassen. Noch rechtzeitig vor Einbruch der Dunkelheit stellen wir unsere Zelte im als solchen ausgewiesenen Erholungsgebiet (зона отдыха) am Fluss Чарыш auf, sägen mit unseren Multitools trockene Äste von den Bäumen, entzünden ein Lagerfeuer, essen Linsensuppe, testen die Wirksamkeit unseres Mückenschutzes und verziehen uns bei aufziehendem Gewitter in unsere Zelte.

Freitag, 2. Juni: Wir sitzen in unserer зона отдыха gemütlich beim Frühstück, als mehrere Polizeiwagen anrücken, neben uns Zielscheiben aufstellen und mit ihren Dienstpistolen zu schießen beginnen!

Wir beschleunigen unsere Abreise und nehmen Kurs auf unser heutiges Ziel, Bijsk, genauer gesagt das Grundstück von Igor, dem Präsidenten des hiesigen Motorradclubs (байк-пост). Hierher hatten wir unsere Stollenreifen, die wir vor der Mongolei aufziehen wollten, schicken lassen. Die Post hat in Russland aber einen ähnlichen Ruf wie bei uns die Bahn. Und sie wurde ihrem Ruf tatsächlich gerecht. Bereits Wochen vorher in Moskau verschickt, war der letzte Reifen erst am Tag vor unserer Ankunft in Bijsk angekommen. So lagen die Reifen tagelang in irgendwelchen Verteilerzentren fest, dann wurden die Pakete getrennt und die Reifen einzeln weitergeschickt, und nach Einschätzung der Einheimischen sollten wir uns schon mal mit dem Gedanken vertraut machen, die alten, abgefahrenen Schluffen weiterzufahren. Aber glücklicherweise kam es ja anders.

Igor hat auf seinem Grundstück eine gut sortierte Werkstatt, er selbst ist aber auf einem 200 km entfernten Biker-Festival. Wir dürfen jedoch sein Werkzeug nutzen und machen uns voller Tatendrang an die Arbeit. Schließlich hatten wir in der Türkei nach meinem Platten ja schon einen Schlauch gewechselt und außerdem mit tollem Werkzeug aus den USA unser Reisevakuum gefüllt. Wir scheitern grandios. Wir bekommen bei Matti nicht einmal den Reifen von der Felge. Sämtliche, noch so große Montiereisen bewirken nichts, wir legen das Hinterrad sogar unter den Ständer der Transalp und drücken ihr ganzes Gewicht auf den Reifen. Es hilft einfach nichts. Also beschließen wir, am nächsten Tag mit dem Taxi zur Reifenwerkstatt zu fahren, bauen wenigstens alle Räder aus und gehen zu Plan B, Bier und Chips, über.

Samstag, 3. Juni: Mit dem Sohn von Igor fahren wir, wie am Vorabend geplant, zur nächsten Шиномонтаж. Die jedoch gibt nach nach kurzer Zeit auf, sie bekommt den Reifen, auch mit schwerem Gerät, nicht von Mattis Felge. Jetzt ist zwar unser Selbstbewusstsein vollends wiederhergestellt, aber es ist Samstagnachmittag und wir haben immer noch keine neuen Reifen. Schnell geht es weiter zur nächsten Werkstatt, die muss es doch jetzt bitte richten. Und ja, mit viel Kraft, Geschick und Improvisation sind wir nach knapp zwei Stunden neu besohlt. Jetzt heißt es schnell zurück und die Bikes zusammenbauen, wir wollen schließlich noch einige Kilometer hinter uns bringen. Allerdings ist Igor mittlerweile heimgekehrt und hat für sich und seine Gäste bereits Bier und Snacks besorgen lassen. Das war’s dann für heute mit der Weiterfahrt.

Sonntag, 4. Juni: Beim Einbau des Vorderrades hatte ich festgestellt, dass mein Lenkkopflager ausgeschlagen ist. In Verbindung mit den neuen Stollenreifen ergibt dies ein sehr unkomfortables Fahrverhalten. Das Motorrad kippt bereits bei leichter Schräglage ab und beginnt um das Vorderrad gefährlich zu flattern. Das trübt anfangs den Fahrspaß doch deutlich. Und dies gerade heute, da wir eine der schönsten Straßen der Welt, den Tschuiski-Trakt durch das Altai-Gebirge, fahren wollen. Die Landschaft ist einfach atemberaubend. Beiderseits der Straße, die in vielen Kurven dem Fluss Kattun folgt, weitet sich ein üppig bewachsenes Tal, dahinter erheben sich steil wunderschöne Berge, manchmal waldbewachsen, manchmal felsig. Wieder begleiten uns (nicht übertrieben) Millionen von Schmetterlingen, außen weiß und innen gelb (oder vor und auf nach dem Auftreffen auf den Helm). Nach ein paar hundert Kilometern sind die Reifen angefahren, der Mut und die Schräglage steigen. Hier zu fahren, ist einfach irre. Die Nacht verbringen wir in einer kleinen Holzhütte am Fluss, genießen die russische Banja und Gitarrenmusik am Lagerfeuer.

Montag, 5. Juni: Es sind nur noch ein paar Kilometer bis zur russisch-mongolischen Grenze. Die Fahrzeuge werden einzeln abgefertigt und teilweise penibel durchsucht. Das dauert. Als wir endlich an der Reihe sind, fordert mich der russische Offizier sehr barsch auf, meine Zollerklärung, die wir bei der Einreise ausgefüllt und abgestempelt bekommen haben, vorzulegen. Wir haben an der kasachisch-russischen Grenze aber nichts dergleichen bekommen. Der Beamte knallt mir daraufhin meinen Pass hin und weigert sich, mich abzufertigen. Was jetzt? Wir durchsuchen nochmal unsere ganzen Unterlagen und probieren es mit der kirgisischen Erklärung vom letzten Jahr. Es funktioniert. Der Beamte ist zwar skeptisch, dass wir bzw. das Motorrad ein ganzes Jahr im Land gewesen sein sollen, aber es ist das gesuchte Dokument. Kirgisien, Kasachstan und Russland bilden eine Zollunion, die Zollerklärung gibt es daher nur bei Einreise ins erste dieser Länder. Zwischen dem russischen und dem mongolischen Grenzposten liegt eine 20 km breite Pufferzone. In dieser Zone wird die Straße, je näher man dem mongolischen Teil kommt, immer schlechter und die Temperatur fällt plötzlich von 19 Grad auf vier Grad und es beginnt ein heftiger Schneeregen. Innerhalb kürzester Zeit sind wir durchnässt. Welcome to Mongolia! Hier treffen wir auch Diederik, einen in Italien lebenden Belgier, der mit Hilfe eines mongolischen Bauern bei diesen Bedingungen gerade einen platten Reifen an seiner GS geflickt hat. Wir beschließen, gemeinsam weiter zu fahren. Die Grenzformalitäten auf mongolischer Zeit sind undurchsichtig. Wir müssen diverse Erklärungen ausfüllen, diese werden mit diversen Stempeln, die alle Beamten an einem Armband mit sich herumtragen, bedruckt. Es wirkt alles eher zufällig und unorganisiert. Wir hoffen, dass wir wirklich alle Unterlagen beisammen haben, schließlich wollen wir die Motorräder bis zum nächsten Jahr im Land belassen.

Unser Ziel ist das 100 km entfernte Olgii. Die Piste ist derart schlecht, dass wir auf eine der bereits vielen mehr oder weniger parallel verlaufenen Nebenspuren ausweichen. Nach ungefähr der Hälfte der Strecke bekommen wir Asphalt und rollen am frühen Abend in der Stadt ein und beziehen Quartier im Blue Wulf Ger Camp. Beim Abendessen lernen wir Fabienne aus Paris kennen, die Abenteuerurlaube u.a. in der Mongolei organisiert und uns wertvolle Tipps und Kontaktadressen gibt.

Dienstag, 6. Juni: Diederik, der in zwei Monaten einmal um die Welt fahren möchte, und nur zwei Wochen von Italien bis hierher benötigt hat, beschließt umzukehren und über Russland an den Pazifik zu fahren. Er muss am 24. Juni die Fähre in Wladiwostok bekommen und ist auf Piste einfach zu langsam.

Gerade als wir losfahren wollen, bemerkt Matti, dass eine Schraube an meinem Kofferträger fehlt. Es ist mittlerweile die sechste, die ich bei der Rüttelei verloren habe. Wir ersetzen die Schraube und prüfen dabei auch gleich alle weiteren. Die ersten 70 km sind geleckter Asphalt, vorbei an atemberaubenden Landschaften. Was uns dann für die nächsten 150 km erwartet, ist einfach nur schlimm. Die Piste ist in einem erbärmlichen Zustand: bis zu 15 cm tiefes Waschbrett, darüber muss man mit mindestens 60 Sachen fahren, sonst zerreißt es einem gefühlt das Motorrad. Dann aber kommen immer wieder sehr sandige Stellen, in denen das Motorrad nur begrenzt das macht, was man gerne möchte. Gerät man dort mit Waschbrettgeschwindigkeit hinein, geht erstmal kräftig die Pumpe. Hinzu kommen tiefer Schotter, eine Flussdurchfahrt und immer wieder Waschbrett und Sand, Waschbrett und Sand. Völlig erledigt erreichen wir Khovd und steigen im Karaoke-Hotel ab. Hier gibt es nach sechs Tagen endlich mal wieder eine heiße Dusche. Beim Abendessen lernen wir Cecilia aus Norwegen, die als Wahlbeobachterin für die OECD im Land ist, kennen. Es wird ein sehr interessanter und unterhaltsamer Abend. Da in der Mongolei weder Englisch noch Rusisch gesprochen werden, sind wir für die angebotene Hilfe von Cecilia, die mit Dolmetscher und einem einheimischen Fahrer unterwegs ist, sehr dankbar, hoffen jedoch, diese nicht in Anspruch nehmen zu müssen.

Mittwoch, 7. Juni: Wir prüfen vor der Abfahrt sämtliche Schraubverbindungen. Das ist bitter nötig, unter anderem hat sich der Gabelstabilisator der Transalp gelockert. Mein Scottoiler ist leider auch defekt und die Kette staubtrocken. Ansonsten wird es ein ruhiger Fahrtag. Die 460 km bis Altay sind komplett asphaltiert und in fünf Stunden erledigt. Wir beziehen das beste Hotel am Platz und können endlich Wäsche waschen (lassen); saubere T-Shirts und Socken habe ich schon seit einer Woche nicht mehr. Morgen verlassen wir die Südroute und wechseln auf die landschaftlich schöne, fahrerisch aber anspruchsvollste Zentralroute.